Alte Tradition, leicht unterschätzt ...

Immer Anfang März wird in aller Welt den Weltgebetstag der Frauen gefeiert - eine alte, oft unterschätzte, aber immer noch begeisternde ökumenische Tradition.

 

Die Idee des Weltgebetstags ist es, ein Gebet über 24 Stunden lang um den Erdball wandern zu lassen - ein Gebet, das Frauen in mehr als 120 Ländern der Welt miteinander verbindet. Über Konfessions- und Ländergrenzen hinweg engagieren sich christliche Frauen in der Bewegung des Weltgebetstags. Gemeinsam beten und handeln sie dafür, dass Frauen und Mädchen überall auf der Welt in Frieden, Gerechtigkeit und Würde leben können. So wurde der Weltgebetstag in den letzten 130 Jahren zur größten Basisbewegung christlicher Frauen.

 

Der Weltgebetstag ist viel mehr als nur ein Gottesdienst im Jahr! Der Weltgebetstag weitet den Blick für die Welt. Frei nach seinem internationalen Motto "informiert beten, betend handeln" macht er neugierig auf Leben und Glauben in anderen Ländern und Kulturen. Die Verfasserinnen der jährlichen Gottesdienstordnung greifen in ihrer Liturgie meist gesellschaftliche Fragen auf, die den Menschen in ihrem Heimatland "unter den Nägeln brennen".

 

Durch das gemeinsame Engagement beim Weltgebetstag lernen sich Frauen unterschiedlicher christlicher Konfessionen kennen und schätzen. In vielen Städten und Dörfern gibt es dank des Weltgebetstags seit vielen Jahrzehnten enge Kontakte zwischen den Kirchengemeinden. Weltgebetstag ist gelebte Ökumene. Und hätten Sie es gewusst: Allein in Deutschland besuchen Jahr für Jahr rund eine Million Frauen, Männer, Kinder und Jugendliche die Gottesdienste und Veranstaltungen rund um den Weltgebetstag.

 

Ein wichtiges Zeichen der Solidarität beim Weltgebetstag ist die Kollekte aus den Gottesdiensten. Sie kommt vor allem Frauen- und Mädchenprojekten weltweit zu Gute. Auch die internationale Weltgebetstagsbewegung wird jedes Jahr gefördert.

 

Wir feiern hier in unserer Gemeinde Weltgebetstag - am 6. März um 17:00 Uhr in der evangelischen Kirche. Die Gottesdienstordnung mit dem Motto: "Steh auf und geh!" wurde dieses Mal von Frauen in Simbabwe verfasst.

 

Herzliche Einladung! Übrigens: Auch wenn Frauen den Weltgebetstag erfunden haben - Männer sind willkommen.

 

... with four letters

If love was a word, I don't understand. The simplest sound, with four letters. "Wenn Liebe ein Wort wäre, ich würde es nicht verstehen. Ein einfacher Klang, vier Buchstaben."

 

So beginnt ein Lied von Marlon Roudette, das ihn vor einigen Jahren berühmt machte. Es erzählt von enttäuschter Liebe und Liebesschmerz. Trotzdem ist es ein anrührendes Lied, irgendwie klingt immer noch Liebe durch, Zartheit und Sehnsucht.

 

Vielleicht braucht es, um die Liebe zu verstehen, sie zu vertiefen und sie zu bewahren mehr als nur ein Wort mit vier Buchstaben. Was bedeutet Liebe? Welche Worte fallen Ihnen ein?

 

Bei der Vorbereitung des Valentinsgottesdienstes sind uns eine Menge Worte eingefallen. Wir haben sie in ein Herz gepackt. Und am Freitag, den 14.02., packen wir sie im ökumenischen Valentinsgottesdienst in der katholischen Kirche wieder aus und schauen drauf, was Liebe bedeutet.

 

Was klar ist: Auch wenn uns Liebe nicht immer gelingt, wir brauchen sie. Zum Valentinsgottesdienst gehört auch immer der Segen für Paare und Liebende. Dahinter steckt der Gedanke, dass man Liebe nicht machen kann, sondern sie sich schenken und zusprechen lassen lassen muss. "Ich liebe dich" - diese drei Wörter geben Kraft, wenn sie von Menschen kommen, aber auch, wenn es Gottes Worte sind.

 

Segen, Geschenk, Kraft, Zuspruch - das sind schon mal vier Worte, die die Liebe umschreiben. Mehr davon gibt es am Valentinstag ...

 

Gottes Liebe geht durch den Magen

Meine Mutter erzählt manchmal noch von der Zeit, als nach dem Krieg die Amerikaner in unser Dorf kamen. Damals prallten Welten aufeinander: Besiegte und Besatzungsmacht, badisches Deutsch und amerikanisches Englisch, enges Dorf und weite Welt, von Pferden gezogene Bauernwagen und hochmechanisierte Armee, weiße kleine Mädchen und farbige große Soldaten.

 

Wie können Menschen den Schritt von der Trennung zur Gemeinschaft machen? Kann das überhaupt gelingen bei solchen Unterschieden?

 

Debattieren kann man nicht, die Erwachsenen sind sich zu feindlich und zu misstrauisch, es herrscht ein großes Ungleichgewicht zwischen den Dorfbewohnern und den amerikanischen Soldaten.

 

Die Kinder, darunter meine Mutter, haben sich an die Straße gestellt und "Schming Gum" gerufen (was man halt als kleines badisches Kind aus dem Wort "Chewing Gum" - Kaugummi so macht). Und die Soldaten haben Schming Gum und andere Sachen von ihren Jeeps geworfen oder den Kindern in die Hand gedrückt.

 

Ein kleiner Anfang. Er hat gezeigt: Verständigung ist möglich. Feindesliebe ist nicht ausgeschlossen. Und: Liebe geht durch den Magen. Selbst wenn es nur Kaugummi ist: Eine so grundlegende Angelegenheit wie das Essen verbindet Menschen.

 

Das Schming Gum war ein Vorgeschmack der weiten Welt und ein Vorbote der Vergebung und Versöhnung.

 

Die Kaugummi-Episode illustriert für mich gut einen wesentlichen Zug Jesu und eine wesentliche Errungenschaft des Christentums: Gemeinsames Essen verbindet über soziale, religiöse und weltanschauliche Grenzen hinweg. Jesus hat Essen als verbindendes Element genutzt: Er hat einengende Speisegebote, die Menschen unterscheiden und trennen sollten, abgelehnt. Er hat mit allen möglichen Menschen gegessen (was ihm nicht nur Beifall einbrachte). Er hat das gemeinsame Abendmahl als Ersatz für den Opferkult im Tempel eingeführt.

 

Das Christentum hat diese Tradition weitergeführt und es geschafft, Menschen unterschiedlicher Länder, Religionen und Schichten in diesem Abendmahl zu integrieren. Für alle war das gemeinsame Essen Ort der Begegnung mit Gott und seiner Liebe, die ganz offensichtlich durch den Magen geht.

 

Vielfalt und Einheit

Ihr seid ein Leib und ein Geist lebt in euch. So ist es ja auch eine Hoffnung, zu der Gott euch berufen hat. Es gibt nur einen Herrn, einen Glauben und eine Taufe. Und ebenso nur einen Gott, den Vater von allem (aus dem Epheserbrief, Kap. 4).

 

Der Epheserbrief - man kann ihn mit einer Festschrift zu einem Vereins- oder Kirchenjubiläum vergleichen - gibt seinen Leserinnen eine Erkenntnis mit, die man auch heute noch hören kann: "Wir haben ja alle nur einen Gott."

 

Am häufigsten höre ich diesen Satz bei ökumenischen Begegnungen. Ich freue mich jedes Mal darüber.

 

Das Christentum musste von Anfang an damit umgehen, dass sehr verschiedene Menschen in den Gemeinden mittun und mitgestalten wollten; Reiche und Arme, Menschen aus jüdischem Hintergrund und solche, die die römischen Götter verehrten. Sklaven und Herren. Frauen und Männer. Leute in Nordafrika, Kleinasien, Palästina, Griechenland.

 

Verglichen damit ist das, was die verschiedenen christlichen Kirchen heute unterscheidet, ein Klacks. Mein alter katholischer Kollege, Pfarrer Würz aus Herrenwies, hat es so ausgedrückt: Am Anfang war die Vielfalt. Das sollte man nicht vergessen.

 

Wenn eine Vielfalt bestehen und blühen soll und alle sich gleichzeitig als gleichwertige Teile einer gleichen Religion verstehen sollen, dann braucht man einen Punkt, der Einheit schafft, ohne Vielfalt zu verhindern.

 

Es wäre schön, wenn dieser Punkt das Abendmahl wäre und alle Christen metaphorisch und tatsächlich an einem Tisch sitzen könnten. Das klappt heute (leider) (noch?) nicht (und hat auch schon in der Antike nicht geklappt, wie man im ersten Korintherbrief nachlesen kann).

 

Vielleicht war das in Ephesus auch schon so, denn das Abendmahl wird im obigen Text nicht erwähnt. Konkret ist unter den ganzen abstrakten theologischen Begriffen (Geist, Hoffnung, Glaube, ...) nur ein konkreter Vollzug der Einheit genannt: Die Taufe.

 

Es ist egal, wann, wie und wo jemand getauft ist: Jede/r Getaufte gehört zur Kirche Jesu Christi. Und da jede/r den Glauben anders lebt, ergibt sich daraus eine große Vielfalt. Das ist eine Stärke der Kirche, kein Mangel.

 

Ich erfahre das auch in meiner Praxis als Gemeindepfarrer: Die Menschen sind recht verschieden, sogar in der überschaubaren Welt rund um Gondelsheim. Aber es tut allen gut, an Ihre Taufe erinnert zu werden: Das ist so im ökumenischen Gottesdienst in Büchig, im Altersheim in Neibsheim oder im Konfi in Gondelsheim.

 

Und für alle soll die Erinnerung an die Taufe eine Ermutigung sein, sich einzubringen (und nicht sich anzupassen). Davon lebt die Kirche.

 

"... denn es fiel kein Regen im Land."

"Juda ist ausgedörrt. Die Vornehmen schicken ihre Diener nach Wasser; sie kommen zu den Brunnen, finden aber kein Wasser. Die Bauern sind um den Ackerboden besorgt, denn es fiel kein Regen im Land. Selbst die Hirschkuh im Feld lässt ihr Junges im Stich, weil kein Grün mehr da ist ..." - mit diesen Worten beschreibt das Jeremiabuch (Jer 14 - der Predigttext des kommenden Sonntags), wie sich vor 2700 Jahren eine katastrophale Dürre anfühlte.

 

Ein heißer, dürrer Sommer bei uns ist nicht viel dagegen, aber andeutungsweise können wir (selbst im Januar) erahnen, wie lebensbedrohlich der Mangel an Regen sein kann. Für andere, weniger begünstigte Menschen auf unserem Planeten sind die alten Worte aus der Bibel jedoch auch heutzutage katastrophale Realität.

 

Gleich wie hoch man den Anteil der Menschen an der Veränderung des Klimas ansetzt - Hitze, Dürre und Wassermangel sind elementare, lebensbedrohliche Erfahrungen. Und auch die mangelnde Klugheit der Menschen, damit umzugehen und Konsequenzen für ihr Handeln zu ziehen, ist ein Phänomen, das man vor 2700 Jahren schon finden konnte.

 

Neben Beispielen klugen und schonenden Umgangs mit Ressourcen gibt es auch in der Antike viele Beispiele von Umweltzerstörung und Raubbau. Die legendären Zedern des Libanon wurden schon im Altertum radikal abgeholzt, um Schiffe und Paläste daraus zu bauen. Überweidung, Bodenversalzung durch falsche Bewässerung, Ausbeutung des Bodens, Übersiedelung - all das ist schon lange dagewesen. Auch die Bevölkerungsstatistiken, die die Archäologen für das Land Jeremias und den ganzen den alten Orient aufstellen können, sprechen eine deutliche Sprache von zeitweisen katastrophalen Bevölkerungsrückgängen und gesellschaftlichen Zusammenbrüchen.

 

Wie reagieren die Verantwortlichen, die Ratgeber der Herrschenden, die Eliten? Das Jeremiabuch unterscheidet zwischen Propheten (diese kann man getrost zu den obigen Gruppen zählen), die "behaupten, Schwert und Hunger werde es nicht geben" und "beständiges Heil" vorhersehen, und anderen, die zur Umkehr, zur Verhaltensänderung mahnen und vor den Folgen, die mangelnde Einsicht hat, warnen.

 

Das Jeremiabuch gibt es, weil im Nachhinein klar wurde, dass die Mahnungen letzterer berechtigt waren. Die Taten der Menschen hatten negative Folgen. Die Ausbeutung der Natur zerstörte Lebensgrundlagen. Die unkluge Politik zerstörte Menschen, Städte, Gesellschaften.

 

Für das Jeremiabuch waren diese Taten "Sünde" - Ausdruck einer falschen Haltung zu Gott. Man könnte es vielleicht so ausdrücken: Wenn Menschen sich absolut setzen, das rechte Maß verlieren, sich nicht mehr als kleinen Teil des großen Ganzen verstehen, ihre eigenen Interessen über das Gemeinwohl stellen - dann haben sie (und damit alle) ein Problem.

 

Die Überbringer schlechter Nachrichten, die Mahner und Problematisierer, Leute wie Jeremia, bekamen oft eins aufs Dach, weil sie den Mächtigen nicht passten und schlechte Laune verbreiteten. Vielleicht wurden ihre Worte deshalb aufgeschrieben: Damit wir uns Zeit und die Mahnungen der Propheten zur Kenntnis nehmen. Damit wir lesend zuhören anstatt vorschnell zu reden. Damit wir nachdenken und nicht gleich Totschlag- und Bequemlichkeitsargumente auspacken.

 

Wie ein zerbrochenes Gefäß ...

Scherben aus der frühen Bronzezeit: Ich habe sie vor vielen Jahren vom Boden aufgehoben, als ich an einer Ausgrabung in Jordanien teilnahm. Archäologisch unbedeutend, da von der Oberfläche aufgelesen und nicht ausgegraben ... aber menschlich berührend:

Die Reste eines Kochtopfes. Die Wandscherbe eines großen Vorratsgefäßes. Der Boden eines Kruges. Ein Teil eines großen Tellers.

 

Vor über 4000 Jahren waren diese Gefäße einmal vollständig. Eine Frau hat im Kochtopf etwas gekocht. Eine Familie hat ihren Getreidevorrat im Vorratskrug aufbewahrt. Aus dem Krug haben Kinder Wasser getrunken. Vom großen Teller hat man in froher Runde gegessen. Menschen haben gelebt, geglaubt, gehofft, gearbeitet ...

 

Jetzt sind Scherben übrig von diesen Leben. "Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß" - so drückt die Bibel in Psalm 31 die Zerbrechlichkeit und Endlichkeit des menschlichen Lebens aus. Ein treffendes Bild.

 

Und ein zeitloses Bild: Junge Menschen sterben in Südtirol in einem sinnlosen Unfall. Buschfeuer verbrennen in Australien Häuser, Tiere und Menschen. Ein Transporter fährt in ein Auto und tötet eine Mutter und zwei ihrer Kinder. Im Nahen Osten droht (schon wieder, immer noch, ununterbrochen) Krieg.

 

So fängt das neue Jahr an. Wir werden auch 2020 mit Zerbrechlichkeit, Endlichkeit, Schuld und Trauer leben müssen.

 

Wie können wir das schaffen?

 

"Meine Zeit steht in deinen Händen" - dieser Satz des Vertrauens steht nur wenige Sätze nach dem Satz der Vergänglichkeit in Psalm 31. Wir können nicht leben ohne das Grundvertrauen, dass unsere Arbeit, unsere Liebe, unser Leben sich lohnen. Auch wenn alles begrenzt (manchmal allzu begrenzt) ist, ist es doch sinnvoll.

 

Der Psalm bettet diese Einstellung in das Bild der Hände Gottes, die die Lebenszeit des Menschen umschließen und diese zerbrechliche Kostbarkeit in sich bergen.

 

Ich wünsche uns, dass wir - den schlimmen Nachrichten zum Trotz - das Jahr 2020 mit Vertrauen angehen und das Beste daraus machen - mit Gottes Hilfe.

 

Die Weihnachtswelt ...

Die Weihnachtswelt - eine Welt, in der "der Wolf beim Lamm zu Gast ist, der Panther neben dem Ziegenböckchen liegt, der Löwe Stroh frisst wie das Rind, der Säugling unbeschadet beim Schlupfloch der Schlange spielt" – eine Welt, in der "niemand Böses tut und Unheil stiftet": Nachzulesen ist die Beschreibung dieser Welt in Jesaja 11. Es ist eine Welt, wie wir sie uns wünschen, ohne Leid und Not.

Diese Weihnachtswelt hat oft wenig mit unserer Wirklichkeit zu tun - wenig mit der Wirklichkeit der großen Welt, die man täglich in den Nachrichten sieht oder liest, und manchmal auch wenig mit unserer persönlichen Wirklichkeit.

Die Weihnachtswelt mag wie ein naives Trugbild wirken, das sich nie erfüllen wird. Dennoch war diese erhoffte Welt schon immer Ermutigung, unserer Welt und unserer Wirklichkeit standzuhalten und sie zum Besseren zu verändern.

Ein besonderes Zeichen der Weihnachtswelt ist das Friedenslicht aus Bethlehem. Es kommt aus der Stadt, in der der Legende nach die Weihnachtswelt beginnt, die jedoch ebenso für den Unfrieden der Welt, für vielfaches Leid und Unheil steht. Das Friedenslicht zeigt: Wir Christen halten der un-heilen Wirklichkeit stand und gehen in tätiger Hoffnung einer besseren Welt entgegen.

 

Jedes Jahr wird das Friedenslicht von einem Pfadfinder in der Geburtsgrotte in Bethlehem entzündet und nach Europa gebracht. In Bretten wurde das Friedenslicht am 17. Dezember in einem Gottesdienst mit den Pfadfindern in der Kirche St. Laurentius ausgeteilt. Einige Konfis holten das Licht von dort.

 

In unseren Gottesdiensten am Heiligen Abend können Sie dies Zeichen der Hoffnung, diesen Lichtblick der Weihnachtswelt, mitnehmen. Lassen Sie es zu Hause leuchten und geben Sie es weiter.

 

Und auch wenn das Weihnachtswetter die richtigen Kerzen vielleicht auslöschen wird - das Licht der Weihnachtswelt leuchtet auch in unseren Herzen. Dass dieses Licht nie verlischt, ist mein Weihnachtswunsch 2019.

 

Meines Herzens Zier ...

 

Vielleicht ist es Ihnen schon aufgefallen: Jede Woche ist der Altar in unserer Kirche neu und passend dekoriert (vielleicht sollte ich besser das schöne alte Wort "geziert" verwenden). Frau Schwarz überlegt sich immer eine neue Zierde des Kirchenraums - passend zu den Farben und Anlässen des Kirchenjahres. Ich bin jedes Mal beeindruckt.

 

In der Advents- und Weihnachtszeit erfährt die Zierde eine Steigerung, die die ganze Kirche umfasst und schließlich in der Aufstellung des Weihnachtsbaums gipfelt. Im Krabbelgottesdienst stellen wir dann noch die Krippe auf - dann ist die Zierde vollständig.

 

Es ist genauso, wie wenn wir uns für ein festliches Ereignis schön anziehen: Die äußere Zier ist Ausdruck einer inneren Feststimmung: Wir sind bereit für einen besonderen Anlass und für besondere Gäste. Wir zeigen uns von unserer besten Seite.

So zeigt sich auch die Kirche von ihrer besten Seite und ist bereit für besondere Gäste: Bereit für das Kind in der Krippe - Ausdruck von Gottes Nähe. Und bereit für Sie, die Sie in den Gottesdiensten dieses Kind treffen.

 

In einem alten Kirchenlied ist die Rede von Jesus Christus als "meines Herzens Zier". Der Treffpunkt von Gott und Mensch ist äußerlich die gezierte Kirche, aber innerlich das gezierte, vorbereitete, festlich gesinnte Herz.

Gott zeigt sich von seiner menschlichsten Seite. Und wir Menschen haben vor, uns an Weihnachten von unserer besten Seite zu zeigen, Herz zu zeigen, herzlich zu sein.

 

Nicht zufällig sind die Kollekten bis zum Heiligen Abend für die (Mit)Menschlichkeit, nämlich die Aktion Brot für die Welt, bestimmt.

Und nicht zufällig teilen wir am Heiligen Abend das Friedenslicht aus Bethlehem aus und denken dabei an die Sehnsucht nach Frieden, im Nahen Osten, aber auch in der Ukraine oder an anderen Orten der Welt.

 

Die Welt ändert sich da, wo in unseren Herzen Platz für Gott und Platz für unsere Mitmenschen ist.

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?

 

Am vergangenen Wochenende stand in unserer Gemeinde (fast) alles im Zeichen der Musik und des Singens. Immer am ersten Advent gestalten Projektchor und Musikverein den Gottesdienst. Die Musik spricht, die Lieder predigen. Das tut gut. Manche sagen sogar, Singen macht glücklich.

 

Viele unserer Adventslieder stammen aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Vielleicht ist das so, weil damals besonders deutlich war, wofür der Advent steht: Erwartung einer besseren Welt, Hoffnung auf einen gerechten Herrscher, Sehnsucht nach Frieden, Bedürfnis nach Gerechtigkeit - all das vor dem Hintergrund einer bedrohlichen und unfriedlichen Welt. Die war damals nicht weit weg, sondern mitten in Deutschland, wo die Jahre 1618-1648 Vernichtung und Verderben in nie gekannter Weise brachten.

 

"O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf ..." Dieser Hilferuf in Form eines Liedes stammt von Friedrich Graf von Spee, einem Priester und Beichtvater in Hexenprozessen. Die Ungerechtigkeit und Willkür, die er dabei erfährt, weckt seine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und bringt ihn dazu, ein Buch gegen die Hexenprozesse zu schreiben: "Persönlich kann ich unter Eid sagen, dass ich bis heute noch keine verurteilte Hexe zum Scheiterhaufen geführt habe, von der ich habe sagen können, sie sei schuldig. Ja, es gibt Teufelsgenossen - die Folterknechte und die Hexenrichter. Was da geschieht, ist Unrecht, Willkür und Mord."

 

Das ist eigentlich Advent: In der Dunkelheit die Sehnsucht nach Licht spüren und dafür tätig werden.

 

Friedrich Graf von Spee wird nach Trier versetzt, wo der Krieg wütet und Hungersnot und Krankheiten ausbrechen. Er engagiert sich in der Pflege der Kranken und Verwundeten. 1635 stirbt er an der Pest.

 

Die vierte Strophe seines Lieds lautet: "Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst' uns hier im Jammertal."

 

riecht gut, schmeckt gut und macht Sinn

Der (echte!) Zimtstern, den Sie auf dem Foto bewundern können, hat seine Ablichtung nur um wenige Sekunden überlebt. Kurz nach dem Foto zerging er in meinem Mund und hat mich mit seinem wunderbaren Geschmack erfüllt. Frau Wetzel hat die Sterne für unseren Seniorennachmittag gebacken; und da ich schon jenseits der 50 bin, durfte ich mitmachen und mitessen (um den Preis einer Andacht).

 

Um die Vorfreude, die Vorbereitung, den Vorgeschmack ging es unter uns Senioren. Und auch in der Familienkirche und im Adventsgang am 2. Advent wird es genau darum gehen: Wie Plätzchen, Geschmack und Duft, wie Adventskranz und Adventskalender unsere Vorfreude anstacheln und ausrichten.

 

So ein Zimtstern (ich schmecke ihn nach 5 Minuten immer noch) ist ein Vorgeschmack auf eine Welt, in der es den Menschen gut geht, in der auch arme Leute teure Gewürze und Backwaren essen können, in der es friedlich zugeht und gerecht.

Gerechtigkeit ist eine Hoffnung und ein Leitmotiv vieler alttestamentlicher Texte, die uns durch die Adventszeit begleiten. Der Wochenspruch ist einer davon: "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer" (Sacharja 9,9).

 

Unrecht, Unfriede, Gewalt und Not waren damals ausgeprägter und existentieller als heute. Vielleicht haben die Prophetentexte deshalb eine so große sprachliche Kraft. Wo Unrecht herrscht, ist der Schrei nach Gerechtigkeit laut. Wo die Not groß ist, ist Hoffnung lebensnotwendig.

 

Prophetentext und Zimtsterngeschmack stacheln unsere Hoffnung an, indem sie einen Vorgeschmack auf eine bessere, gerechtere Welt geben.

 

Ich bin nicht der Meinung, dass wir alles Unrecht beseitigen können. Ich meine aber, wenn wir das Unrecht nicht mehr sehen und wenn wir aufhören, auf Gerechtigkeit zu hoffen (und entsprechend zu handeln), verlieren wir unsere Menschlichkeit.

Vaclav Havel hat es so ausgedrückt: "Hoffnung ist nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat."

 

Die graue Wand ...

"Das ganze Werk wurde damals im Grauton gehalten. Leider passt das großflächige Grau der Altarwand schlecht zu der jetzigen Gesamtkonzeption. Kritische Stimmen sind in der Gemeinde bis heute nicht verstummt, aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten."

So steht es in der Broschüre zum 150-jährigen Bestehen der Gondelsheimer Kirche geschrieben, die Pfarrer Klebon, Alfred Hartkorn, Heinz Schwarz und Achim Frasch im Jahre 1992 verfassten.

Die Altarwand wurde 1957 durch den Maler Hans Goether (ich konnte leider bei Google nichts über ihn in Erfahrung bringen) gestaltet und markiert den Abschluss der Instandsetzungs- und Renovierungsarbeiten in der Kirche nach Ihrer teilweisen Zerstörung gegen Kriegsende.

Dem oben genannten Urteil stimme ich zu - besonders gut passt die im Stil der 50er Jahre gestaltete Wand nicht in unsere Kirche. Deren Erbauer Heinrich Hübsch rotiert vermutlich seit 1957 mit hoher Umdrehungszahl in seinem Grab.

Dass die Wand nicht "passt", lag aber - so vermute ich - in der Absicht ihres Schöpfers. Denn auch das, was sie abbildet, passt nicht zur klassischen Schönheit kirchlichen Glaubens. Hans Goether malte das Jüngste Gericht - den Gedanken, der auch im heutigen Wochenspruch steckt: "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi" (2. Korinther 5,10).

Hans Goether nimmt Motive aus dem Matthäus-Evangelium auf (Sie können dies nachlesen in Matthäus, Kap. 25): Die Brautjungfern, die sich in fleißige und vorsorgende (mit Licht) und faule, nachlässige (unbeleuchtet) aufteilen. Die Angestellten, die mit Geld (Talenten) ausgestattet wurden und etwas daraus machen sollen, was zweien gelingt und einem nicht (weil er zu ängstlich ist und weder sich noch sein Geld investiert).

Eine abständige Wand in ernstem Grau mit einem unbequemen Motiv und ebensolchen Botschaften: Wir sind verantwortlich für das, was wir tun. Wir haben Talente (man darf auch mehr als Geld darunter verstehen), und wir sollen etwas aus Ihnen machen. Wir dürfen nicht nachlässig und faul sein.

Worauf sich unser Fleiß und unsere Verantwortung richten sollen, kann man ebenfalls im Matthäus-Evangelium nachlesen. Gerechtigkeit, Frieden, Barmherzigkeit sind die Werte, auf die es ankommt.

Sie fügt sich nicht ein, die ernste graue Wand. Aber überflüssig ist sie nicht. Ihre Botschaft ist wichtig.