Meines Herzens Zier ...

 

Vielleicht ist es Ihnen schon aufgefallen: Jede Woche ist der Altar in unserer Kirche neu und passend dekoriert (vielleicht sollte ich besser das schöne alte Wort "geziert" verwenden). Frau Schwarz überlegt sich immer eine neue Zierde des Kirchenraums - passend zu den Farben und Anlässen des Kirchenjahres. Ich bin jedes Mal beeindruckt.

 

In der Advents- und Weihnachtszeit erfährt die Zierde eine Steigerung, die die ganze Kirche umfasst und schließlich in der Aufstellung des Weihnachtsbaums gipfelt. Im Krabbelgottesdienst stellen wir dann noch die Krippe auf - dann ist die Zierde vollständig.

 

Es ist genauso, wie wenn wir uns für ein festliches Ereignis schön anziehen: Die äußere Zier ist Ausdruck einer inneren Feststimmung: Wir sind bereit für einen besonderen Anlass und für besondere Gäste. Wir zeigen uns von unserer besten Seite.

So zeigt sich auch die Kirche von ihrer besten Seite und ist bereit für besondere Gäste: Bereit für das Kind in der Krippe - Ausdruck von Gottes Nähe. Und bereit für Sie, die Sie in den Gottesdiensten dieses Kind treffen.

 

In einem alten Kirchenlied ist die Rede von Jesus Christus als "meines Herzens Zier". Der Treffpunkt von Gott und Mensch ist äußerlich die gezierte Kirche, aber innerlich das gezierte, vorbereitete, festlich gesinnte Herz.

Gott zeigt sich von seiner menschlichsten Seite. Und wir Menschen haben vor, uns an Weihnachten von unserer besten Seite zu zeigen, Herz zu zeigen, herzlich zu sein.

 

Nicht zufällig sind die Kollekten bis zum Heiligen Abend für die (Mit)Menschlichkeit, nämlich die Aktion Brot für die Welt, bestimmt.

Und nicht zufällig teilen wir am Heiligen Abend das Friedenslicht aus Bethlehem aus und denken dabei an die Sehnsucht nach Frieden, im Nahen Osten, aber auch in der Ukraine oder an anderen Orten der Welt.

 

Die Welt ändert sich da, wo in unseren Herzen Platz für Gott und Platz für unsere Mitmenschen ist.

 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt?

 

Am vergangenen Wochenende stand in unserer Gemeinde (fast) alles im Zeichen der Musik und des Singens. Immer am ersten Advent gestalten Projektchor und Musikverein den Gottesdienst. Die Musik spricht, die Lieder predigen. Das tut gut. Manche sagen sogar, Singen macht glücklich.

 

Viele unserer Adventslieder stammen aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges. Vielleicht ist das so, weil damals besonders deutlich war, wofür der Advent steht: Erwartung einer besseren Welt, Hoffnung auf einen gerechten Herrscher, Sehnsucht nach Frieden, Bedürfnis nach Gerechtigkeit - all das vor dem Hintergrund einer bedrohlichen und unfriedlichen Welt. Die war damals nicht weit weg, sondern mitten in Deutschland, wo die Jahre 1618-1648 Vernichtung und Verderben in nie gekannter Weise brachten.

 

"O Heiland, reiß die Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf ..." Dieser Hilferuf in Form eines Liedes stammt von Friedrich Graf von Spee, einem Priester und Beichtvater in Hexenprozessen. Die Ungerechtigkeit und Willkür, die er dabei erfährt, weckt seine Sehnsucht nach Gerechtigkeit und bringt ihn dazu, ein Buch gegen die Hexenprozesse zu schreiben: "Persönlich kann ich unter Eid sagen, dass ich bis heute noch keine verurteilte Hexe zum Scheiterhaufen geführt habe, von der ich habe sagen können, sie sei schuldig. Ja, es gibt Teufelsgenossen - die Folterknechte und die Hexenrichter. Was da geschieht, ist Unrecht, Willkür und Mord."

 

Das ist eigentlich Advent: In der Dunkelheit die Sehnsucht nach Licht spüren und dafür tätig werden.

 

Friedrich Graf von Spee wird nach Trier versetzt, wo der Krieg wütet und Hungersnot und Krankheiten ausbrechen. Er engagiert sich in der Pflege der Kranken und Verwundeten. 1635 stirbt er an der Pest.

 

Die vierte Strophe seines Lieds lautet: "Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt, darauf sie all ihr Hoffnung stellt? O komm, ach komm vom höchsten Saal, komm, tröst' uns hier im Jammertal."

 

riecht gut, schmeckt gut und macht Sinn

Der (echte!) Zimtstern, den Sie auf dem Foto bewundern können, hat seine Ablichtung nur um wenige Sekunden überlebt. Kurz nach dem Foto zerging er in meinem Mund und hat mich mit seinem wunderbaren Geschmack erfüllt. Frau Wetzel hat die Sterne für unseren Seniorennachmittag gebacken; und da ich schon jenseits der 50 bin, durfte ich mitmachen und mitessen (um den Preis einer Andacht).

 

Um die Vorfreude, die Vorbereitung, den Vorgeschmack ging es unter uns Senioren. Und auch in der Familienkirche und im Adventsgang am 2. Advent wird es genau darum gehen: Wie Plätzchen, Geschmack und Duft, wie Adventskranz und Adventskalender unsere Vorfreude anstacheln und ausrichten.

 

So ein Zimtstern (ich schmecke ihn nach 5 Minuten immer noch) ist ein Vorgeschmack auf eine Welt, in der es den Menschen gut geht, in der auch arme Leute teure Gewürze und Backwaren essen können, in der es friedlich zugeht und gerecht.

Gerechtigkeit ist eine Hoffnung und ein Leitmotiv vieler alttestamentlicher Texte, die uns durch die Adventszeit begleiten. Der Wochenspruch ist einer davon: "Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer" (Sacharja 9,9).

 

Unrecht, Unfriede, Gewalt und Not waren damals ausgeprägter und existentieller als heute. Vielleicht haben die Prophetentexte deshalb eine so große sprachliche Kraft. Wo Unrecht herrscht, ist der Schrei nach Gerechtigkeit laut. Wo die Not groß ist, ist Hoffnung lebensnotwendig.

 

Prophetentext und Zimtsterngeschmack stacheln unsere Hoffnung an, indem sie einen Vorgeschmack auf eine bessere, gerechtere Welt geben.

 

Ich bin nicht der Meinung, dass wir alles Unrecht beseitigen können. Ich meine aber, wenn wir das Unrecht nicht mehr sehen und wenn wir aufhören, auf Gerechtigkeit zu hoffen (und entsprechend zu handeln), verlieren wir unsere Menschlichkeit.

Vaclav Havel hat es so ausgedrückt: "Hoffnung ist nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht. Sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat."

 

Die graue Wand ...

"Das ganze Werk wurde damals im Grauton gehalten. Leider passt das großflächige Grau der Altarwand schlecht zu der jetzigen Gesamtkonzeption. Kritische Stimmen sind in der Gemeinde bis heute nicht verstummt, aber über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten."

So steht es in der Broschüre zum 150-jährigen Bestehen der Gondelsheimer Kirche geschrieben, die Pfarrer Klebon, Alfred Hartkorn, Heinz Schwarz und Achim Frasch im Jahre 1992 verfassten.

Die Altarwand wurde 1957 durch den Maler Hans Goether (ich konnte leider bei Google nichts über ihn in Erfahrung bringen) gestaltet und markiert den Abschluss der Instandsetzungs- und Renovierungsarbeiten in der Kirche nach Ihrer teilweisen Zerstörung gegen Kriegsende.

Dem oben genannten Urteil stimme ich zu - besonders gut passt die im Stil der 50er Jahre gestaltete Wand nicht in unsere Kirche. Deren Erbauer Heinrich Hübsch rotiert vermutlich seit 1957 mit hoher Umdrehungszahl in seinem Grab.

Dass die Wand nicht "passt", lag aber - so vermute ich - in der Absicht ihres Schöpfers. Denn auch das, was sie abbildet, passt nicht zur klassischen Schönheit kirchlichen Glaubens. Hans Goether malte das Jüngste Gericht - den Gedanken, der auch im heutigen Wochenspruch steckt: "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi" (2. Korinther 5,10).

Hans Goether nimmt Motive aus dem Matthäus-Evangelium auf (Sie können dies nachlesen in Matthäus, Kap. 25): Die Brautjungfern, die sich in fleißige und vorsorgende (mit Licht) und faule, nachlässige (unbeleuchtet) aufteilen. Die Angestellten, die mit Geld (Talenten) ausgestattet wurden und etwas daraus machen sollen, was zweien gelingt und einem nicht (weil er zu ängstlich ist und weder sich noch sein Geld investiert).

Eine abständige Wand in ernstem Grau mit einem unbequemen Motiv und ebensolchen Botschaften: Wir sind verantwortlich für das, was wir tun. Wir haben Talente (man darf auch mehr als Geld darunter verstehen), und wir sollen etwas aus Ihnen machen. Wir dürfen nicht nachlässig und faul sein.

Worauf sich unser Fleiß und unsere Verantwortung richten sollen, kann man ebenfalls im Matthäus-Evangelium nachlesen. Gerechtigkeit, Frieden, Barmherzigkeit sind die Werte, auf die es ankommt.

Sie fügt sich nicht ein, die ernste graue Wand. Aber überflüssig ist sie nicht. Ihre Botschaft ist wichtig.

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© Pfarrer Stefan Kammerer